Über emmis room

 

In dem fortlaufenden Projekt emmis room beschäftige ich mich,

unterstützt von einer fiktiven Person namens Emmi, mit der willkürlichen

Kombination von Hinterlassenschaften, wie man sie in entmieteten

Wohnungen vorfindet.

Emmi ergänzt das Gefundene, fügt Dinge hinzu die ihr gefallen, kopiert Lieblingsstellen

und streicht anderes durch. Sie hinterlässt neue Spuren und verschwindet.

Mit Emmis Hilfe und beeinflusst von dem Ort an dem ich arbeite erfinde ich

Stimmungen, Interieurs, Handlungen und ihre Spuren für meine Bilder. Es entstehen

eine Art Stillleben, deren Arrangements nicht nur von mir kommen: Emmis Logik hat

ihren Teil daran.

Die Figur Emmi steht für die Abwesenheit eines Individuums, deren  Eigenheiten und

Lebensumstände  aus den Spuren ihres Handelns in diesen Räumen gelesen werden

müssen. Emmi ist den Überbleibseln und Abfallprodukten unseres Kulturkreises

ausgesetzt und stellt aus der Kombination dieser „Reste“ eigene Zusammenhänge her.

 

Emmi ist immer schon gegangen, wenn ich eintreffe.


Die Figur befreit mich von der Tradition der Dinge und stellt Sinnzusammenhänge her,

deren Ursprung ich nicht immer ableiten kann. So entsteht eine Beobachtung, deren

Grund ich nicht unbedingt kennen muss und die eben durch diese Fremdheit genau

wird.

 

Zuletzt habe ich mich verstärkt darauf konzentriert, diesen Überlagerungen von

Gefundenem und Erfundenem, von Emmi und mir in tatsächlichen Räumen

nachzugehen und einen installativen Charakter der Idee zu fördern. Sowohl auf dem

Kunstfestival Ostrale in Dresden als auch während eines Workshops

in New York bin ich auf die vorhandenen Spuren der ehemaligen Büroräume

eingegangen und habe auf sie reagiert. Emmi wird dann zur Beraterin. Ich durchforste

den Raum und schreibe mich dabei in ihn ein. Diese Methode ist charakteristisch für

meine Arbeit geworden. LW, 2010

 

 

english version

about emmis room

 

My ongoing project „Emmi's room“ is about the arbitrary combination of leftovers the

way you can find them in de-rented flats. The fictive Emmi helps me here. She

completes what is found, adds things that she likes, copies favourite spots and erases

others. She leaves new traces and disappears.

With Emmis help und influenced by the place I work in, I invent atmospheres,

interieurs, actions and their traces. The results can be seen as still lives, even though

its arrangements aren't only invented by me: Emmi's logic also played its part.

The figure Emmi stands for the absence of an individual, whose traits and living

conditions can be read from the traces of her actions. Emmi is ingeniously handed over

to the oddments and garbage of our cultural field and is therefor forced to build her

own coherences out of these combinations of leftovers.

I'm pursuing these overlaps of findings and inventions on a wider scale at the moment.

I'm planning to transfer the „Emmi-World“ into the room itself and in so doing support

an installative character of the idea.

 

aus dem Pressetext zur Ausstellung

Verrückte Welt, meine Nase juckt immer noch.

In der Galerie Oel-Früh, 2010 von Anna Carla Brokof

 


In dem seit 2006 fortlaufenden Projekt emmis room beschäftigt sich LW mit den

willkürlichen Hinterlassenschaften wie man sie in entmieteten Wohnungen vorfindet.

Unterstützt von der fiktiven Figur Emmi ergänzt sie das vor Ort gefundene, fügt Dinge

hinzu, kopiert Lieblingsstellen und streicht anderes durch.


Die Idee von der immer kurz voher aufgebrochenen Emmi bestimmt auch immer die

Arbeit vor Ort. Daraus ergeben sich Stimmungen, Interieurs, Handlungen bzw. deren

Spuren für die Bilder und Installationen der Künstlerin. Emmis Abwesenheit und ihr

dadurch immerwährendes Fremdbleiben garantieren einen klaren Blick. Sie befreit von

der Tradition der Dinge, weil sie fremde Motive hat und stellt Sinnzusammenhänge her,

deren Ursprung Vermutungen bleiben.


Zu Gast in der Galerie Oel Früh wird LW diese Arbeitweise auf die durch ihre Lage so

besonderen Räume der Galerie anwenden. Aus einer Kombination von mitgebrachten

Arbeiten und Einschreibungen, die während eines vorübergehendem Einzugs entstehen,

werden Ort und Arbeit zueinandergebracht.

 

 

 

Über die Bildserie "Emmi's room"

von Korvin Reich 2010

Allerletzte Spuren

oder: Was von einem Leben übrigbleibt.


Eine Wohnung übergeben. Besenrein. Der Umzug hat bereits stattgefunden, die Räume

sind leer. So gut wie leer. Was sich in diesem Zustand der Wohnungs-Auf-Lösung noch

anfindet, ist hartnäckig: Reißzwecken, Staubnester, Kleingeld, mumifizierte

Fliegenkörper.

Zeugen eines längst über-lebten Daseinsabschnitts, wertlos, sich nun demaskierend als

Müll und Schmutz, überall anders, überall gleich. Es scheint ebensoviel Mühe zu kosten

wie der Umzug selbst, auch die allerletzten Spuren zu beseitigen.

Die Bilder Line Wasners vom Zyklus „Emmi's Room“ zeugen von diesen hartnäckigen

Spuren eines Lebens oder Lebensabschnitts, Zeichen, die sich überall ähneln, Chiffren

sind, aber dennoch, verborgen und gleichzeitig unverblümt, auf Geschichten verweisen.

Die Chiffren auf den Bildern zeigen diesen Charakter des Zeichenhaften und

Geheimnisvollen, des immer Unfertigen, Flüchtigen. Der Raum, nachdem die

Gegenstände fort sind, verwe(a)ist noch immer auf deren verlorene Gegenwart und

befindet sich somit im Bereich zwischen gegenständlich und raumhaft-abstrakt.

Die Dinge, die sich noch finden, irgendwann unter einen Schrank gefallen und

vergessen, sind nun zweck-los und gleichsam ins Form-lose übergehend.

Auch Wände sind solch stumme Lebenszeugen: Risse, die alte Tapeten zum Vorschein

bringen, helle Bilderschatten, ein alter Werbekalender, Aufkleber, Flecken. Nach der

Maueröffnung gab es im Ostteil von Berlin viele fast fluchtartig verlassene Altbau

Wohnungen, in deren Wände sich nicht nur ein unbekanntes Leben, sondern auch eine

nun nicht mehr existente Staatsform eingegraben hat.

Line Wasners Bilder erzeugen den gleichen Eindruck unkenntlich gewordener

Individualität, von Fremdartigkeit, von Verlassenheit. Sie erwecken die Illusion, beredt

von vergangenen Lebensgeschichten zu erzählen, doch dieser Impuls bleibt irgendwo

im leeren Raum und läuft sprichwörtlich ins Leere.

Die Arbeiten zu „Emmi's Room“ sind Zeugen, die keine mehr sind: Die Vergänglichkeit

ist nun einmal unerbittlich.

Doch hin und wieder lässt sich vermeintlich eine deutlichere Spur der Leere abtrotzen

und man beginnt, Geschichten und Träume zu suchen, Zusammenhänge, sich

offenbarende Geheimnisse.

Und durch die Hintertür hinein spaziert auf einmal Emmi, als wäre sie nie fort gewesen,

unmittelbar in einer Existenz, die doch machtlos ist gegen den unaufhaltsamen Strom

der Zeit.