Ausgestellte Arbeiten:

 

(Bodentuch)

6,60 x 4,00 m

Acryl auf Leinwand

 

(4 Hüllen für Kurbelkästen)

Acryl auf Leinwand,

zugeschnitten und genäht

 

(bearbeiteter Kurbelkasten)

Papier, Gips, Acrylfarbe

 

(Aufkleber)

(auf Schränken)

Acryl auf Papier

 

(Windhosen)

im rechten Fenster)

20 Stk. je 2m lang

 

Tafelbilder:

 

Pflanzenreste,

125 x 76 cm

Öl auf Leinwand

 

Lieber Zeit, liebe Raum,

40 x 25 cm

Öl auf Leinwand

 

heller Raum,

40 x 25 cm

Öl auf Leinwand

 

Pflanze,

60 x 35 cm

Öl auf Leinwand

 

 

aus dem Pressetext:

Sechs Wochen arbeitete die

Berliner Künstlerin Line Wasner

in den Ateliers des Alten

Schlachthofs.

Unvoreingenommen und mit

Witz hat sie die Bedingungen

der Schlachthalle zum Anlass

genommen neue Arbeiten zu

entwickeln. Ihre Malereien

erwecken bewusst den Eindruck

als seien sie immer an diesem

Ort gewesen. Sie werden zu

den gealterten Requisiten einer

Veranstaltung, die offenbar lang

zurückliegt und einen sanft

veranlasst Raum und

Geschichte genauer zu

betrachten.

Maren Gebhardt

 

 

 

 

 

Liebe Freunde der Kunst,

Lieber Zeit, liebe Raum – – –

Text zur Eröffnung der Ausstellung "Lieber Zeit, liebe Raum"

im Alten Schlachthof

Sigmaringen / August 2015

von Maren Gebhardt

 

vermutlich haben Sie sich gefragt: müsste es nicht heißen:

liebe Zeit, lieber Raum?

Schön, dass Sie trotzdem gekommen sind.

Lassen wir die grammatikalische Verdrehung im Titel erstmal

beiseite, so sehen wir, dass sich Line Wasner, die diesjährige

Gastkünstlerin des Werkaufenthalts, nichts Geringeres als die

Grundparameter unseres Daseins vorgenommen hat:

Zeit und Raum.


Zeit und Raum sind ihr Material und beides beherrscht sie

meisterhaft. Im Vertrauen darauf, dass ihre Materialien ja

vorhanden sind, folgte sie dem Ruf in den Schlachthof

und dem Prinzip Werkaufenthalt entsprechend vorbereitet:

sie kam mit nichts im Gepäck, um sich unvoreingenommen

voll und ganz auf die örtlichen Gegebenheiten einzulassen.

Allerdings offenbart ein erster Blick in die Schlachthalle:

das ist schon eine recht seltsame Veranstaltung geworden hier.

Fleckige Tücher, abgehängte Maschinen, notdürftig

angebrachte Gemälde, ein abgelegter Marktschirm.

Dafür schmückende Windhosen. Es macht den Anschein,

dass sich hier in den zurückliegenden sechs Wochen Aktivität

eher zurückgezogen hat und nicht Line Wasner, sondern die

Zeit hier gearbeitet hat. Aber Zeit und Raum sind eben

tatsächlich Material.

Bereits in einer früheren Serie von Bildern –“Emmi‘s Room“ –

malte sie auf Leinwand Zimmerwände der fiktiven Person

Emmi, an denen in verschiedenen Schichten von Spuren der

fiktiven Vormieter ablesbar waren. Mittlerweile gehört es zu

ihrer bevorzugten Arbeitsweise in tatsächlich vorhandenen

Räumen zu arbeiten. Sie tritt mit ihnen in einen Dialog, reagiert

auf vorhandene Hinterlassenschaften und bettet fiktive

unmerklich ein.


Aus Vor- und Rückverweisen knüpft sie ein Zeitgeflecht, das

hier im Schlachthof ein beachtliches Maß an Komplexität

erreicht. Die Zeitebenen sind zwar stellenweise auch

als physische Schicht aufgetragen, aber darüber hinaus

arbeitet sie formal wie inhaltlich mit subtilen Zeitlügen.

Ich möchte dies exemplarisch an zwei Objekten erläutern:

Mit den Hussen über den Drehkurbeln blendet sie die

Funktionalität und frühere Funktion der Schlachthalle aus.

Zugleich erhalten die solcherart präparierten

Maschinenteile die Form eines Zeitmessers, die allerdings

nicht gleich getaktet sind – Sie ahnen schon …

Aber damit nicht genug. Dort hinten hängt ein kleines

unscheinbares Ölgemälde. In seiner Farbigkeit und mit

seinem Motiv knüpft es an das Genre der Interieur-Malerei

an. Abgesehen davon, dass man beim Gedanken an Interieur-

Malerei eher Wohnräume oder höchstenfalls Ateliersituationen

vor dem inneren Auge vorbeiziehen lässt, weniger frühe

industrielle Arrangements, ist es darüberhinaus irritierend,

dass besagte Hussen mit im Bild festgehalten sind.

Wir befinden uns aber in genau diesem abgebildeten Raum,

wissend, dass Line Wasner diese Arbeit hier in den letzten

sechs Wochen angefertigt hat. Wir als Betrachter sind somit

selbst als Bezugspunkt in das Zeitgeflecht eingebunden.

Um mit verschiedenen Zeitebenen und Spuren zu arbeiten,

die von fiktiven oder realen Personen hinterlassen worden

sind, hat Line Wasner einen Weg gesucht Zeit nicht

linear denken zu müssen. Denn jede Spur eröffnet einen

neuen, parallelen Weg zu einer Person, die inzwischen längst

woanders ist. Bei dieser Suche danach, diese

verschiedenen Rollen zu „managen“, ist sie auf den Begriff

der gebrochenen Zeitlichkeit gestoßen. Der Begriff ist dem

Buch „Gespenster meines Lebens“ des britischen

Kulturwissenschaftlers Mark Fisher entlehnt, der wiederum

auf Jacques Derridas Buch „Marx‘ Gespenster“ verweist.

Ich darf Ihnen mit Mark Fisher eine kleine Einführung in die

Gespensterkunde geben.

Es heißt bei Fisher (Zitat): „Die Gestalt des Gespensts ist daher

insofern bedeutsam, als ein Gespenst nicht vollkommen präsent

sein kann. Es hat kein Sein an sich, sondern markiert die

Beziehung zu einem nicht-mehr oder noch-nicht.“

Das Bild des Gespensts erlaubt es Person und Präsenz zu

entkoppeln und auf diese Weise auch den liearen

Zeitgedanken aufzubrechen.

Wir als Betrachter sind zwar mit der physischen Präsenz der

Spuren konfrontiert, aber genau die Ungewissheit über das

„nicht-mehr“ oder „noch-nicht“ dahinter, ob echt oder

Fake oder gar Gespenst, verunsichert uns.

Der Verunsicherung Schützenhilfe leistet leider auch die

formale Umsetzung.

Meterweise ver- und bearbeitet Line Wasner Leinwandstoff,

aber nicht um als Flachware an der Wand gleich zum Verkauf

zu stehen, sondern um als dreidimensionale Objekte im Raum

Fragen aufzuwerfen. Warum Leinwandobjekt?

Warum Streifen? Sind die echt? Diese Frage immerhin lässt

sich bei genauem Hinsehen klären: echt. Sie sind im wahrsten

Sinne materialisierte lineare Zeit. Warum aber

dieser Aufwand? Nichts wäre einfacher gewesen hier am

Rande der Alb, der einstigen Hochburg der Textilwirtschaft,

den passenden Stoff zu erwerben und sich diese Mühe

zu sparen. In unserer Zeit, in der wir durch technische

Neuerungen eigentlich immer mehr Zeit gewinnen

(gewinnen wollen) und trotzdem immer erschöpfter sind,

manifestiert sich in den handgemalten Streifen ein sich

Stemmen gegen die verdichtete Zeit im echten Leben.

Der körperliche Einsatz ist den Streifen anzusehen, gerade so,

wie das Streifentuch am Boden sorgfältig arrangiert ist und

keine Stofffalte dem Zufall überlassen ist. Die Streifen und

die stellenweise durch Stofffalten zueinander verschobenen

Streifen, lassen an optisch gewollte Effekte einer Bridget Riley

denken.

Ein Hinweis darauf, dass sich Line Wasner zeitweise als

Theatermalerin verdingt, lässt vermuten, dass sie sich mit

der Fernwirkung von Form, Formaten und Farben

auskennt. Doch die im Gegensatz zu Riley jede für sich

lebendige einzelne Streifenbahn, das malerische Moment

sowie die Lust am überdimensionalen Format jenseits der

DIN-Formate führt im Zusammenhang mit der Theatermalerei

zu einem anderem Schlüssel, der Kulisse. Die Theaterkulisse

ist reine Vortäuschung, vor der die Schauspieler auf der

Bühne präsent sind, darauf können Sie sich aber in diesem

Etablissement nicht verlassen, zumal Sie selbst Akteur sind.

Es bleibt Ihnen nur genau hinzuschauen und ab und an die

Unsicherheit auszuhalten, ob nicht unter der ganzen

Leinwand weitere Gespenster verborgen sind.

 

Lieber Zeit, liebe Raum – bis in den Titel der Ausstellung

verfolgt Line Wasner ihre Arbeitsweise. Mit dieser

freundschaftlichen Anrede ihrer beiden ständigen Gefährten

zitiert sie das in die Jahre gekommene Kommunikations

medium Brief als ob die beiden abwesend wären – Gespenster?!

Die grammatikalische Verdrehung wirkt dabei wie ein

handgemalter Streifen: man muss zweimal hinschauen und

stolpert trotzdem über die Absicht. Zugleich beginnt sie mit

der Anrede eine Erzählung, die sie hier in der Halle

mit bildkünstlerischen Mitteln fortsetzt. Das Vergnügen

dieser Lektüre überlässt sie und überlasse nun auch ich,

Ihnen.

 

 

 

 

Line Wasner

06. 08. - 16. 08. 2015

Lieber Zeit, liebe Raum/

Dear Time, Dear Space

Ateliers im alten Schlachthof,

Sigmaringen